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GELBE KABINE


Fotos: Alexender Ludwig Obst & Marion Schmieding



Gelbe Kabine

Glauben Sie, dass Wissen an sich ein Verbrechen ist? Denke ich an Tschernobyl, fällt mir zuerst die Luftaufnahme eines gelben Riesenrads ein, im Hintergrund Wohnblöcke aus Beton. Die Form des Riesenrads erinnert mich an eine strahlende Sonne. Es steht still im menschenleeren, verlassenen Prypjat und rostet vor sich hin. Zum Tag der Arbeit am 1. Mai 1986 sollte es sich zum ersten Mal offiziell in einem Vergnügungspark der in unmittelbarer Nachbarschaft des Reaktorgeländes gelegenen ukrainischen Stadt drehen.

Als sich damals am 26. April der Reaktorunfall ereignete, der tiefe, immer noch spürbare Wunden an Menschen und Umwelt hinterlassen hat, wurde der Vergnügungspark angeblich für einige Stunden in Betrieb genommen. Es wird bis heute darüber spekuliert, ob die vorzeitige Eröffnung von der Katastrophe ablenken sollte. Seit der viel zu spät angeordneten Evakuierung der knapp 50 000 Einwohner etwa 48 Stunden nach dem Unglück steht das Riesenrad wie ein unbewegliches Spielzeug in der verstrahlten Stadt und scheint auf Menschen zu warten, die doch niemals damit fahren werden. Das Riesenrad ist zum Wahrzeichen für die unwahrscheinliche Idee geworden, dass die Menschen jemals wieder nach Prypjat zurückkehren. Und es ist zugleich, wie in London, Wien oder Paris, Symbol für das Leben im Fortschritt. Die sozialistische Utopie einer mittels Atomkraft starken und modernen Sowjetunion war durch den havarierten Reaktorblock zerbrochen, die sechzehnjährige Vorzeigestadt Prypjat wurde innerhalb weniger Stunden zu einem jugendlichen Greis. Die Ukraine, einer der Nachfolgestaaten des sowjetischen Imperiums, hat sich von dem Reaktorunfall finanziell bis heute nicht erholt. Tausende Menschen sind an den vielzähligen Folgen der Strahlung gestorben. Von der Regierung offiziell als Geschädigte anerkannt wurden nur wenige. Den Soldaten, die in den ersten Monaten unter unglaublichen Bedingungen die hochradioaktiven Graphitblöcke vom Dach des explodierten Reaktors holten, sind später Sozialleistungen und Entschädigungen gestrichen worden. Sie alle sind Berichten zufolge wegen der hohen Strahlung, der sie ausgesetzt waren, schwer erkrankt oder behindert. Viele von ihnen sind schon kurz nach dem Vorfall qualvoll gestorben. Von den verantwortlichen Behörden wurden nach Aussagen der Betroffenen die Werte der erlaubten Menge Radioaktivität im Körper um ein Fünffaches nach oben korrigiert, um Menschen aus Krankenhäusern entlassen und so die Kosten senken zu können. Viele Tiere und Pflanzen nicht nur in der Sperrzone weisen Deformationen auf, die Menschen auch anderswo vielleicht noch erwarten, weil wir die Langzeitfolgen für das menschliche und tierische Erbgut nicht kennen.

Für mich ist das Riesenrad Bild für den einstigen Traum vom besseren Leben. Die gelben Kabinen sind wie viele kleine Sonnen, die mehr Licht ins Leben bringen sollten. Das Symbol des Riesenrads erinnert an das für Atomenergie: ein schwarzer Kreis auf Gelb, um den herum Strahlen angeordnet sind, die Bewegung suggerieren. Auch der physikalische Aufbau eines Atoms erinnert an ein Riesenrad: ein runder, positiv geladener Atomkern, um den negativ geladene Elektronen kreisen, vergleichbar mit den runden Kabinen, die sich am äußeren Rand des Stahlgerüsts drehen. In einer Skulptur am Ortseingang von Tschernobyl ist dieses Atomkernsymbol in gelber Farbe zu sehen.

Das Riesenrad in Prypjat dreht sich schon lange nicht mehr. Die Prozesse allerdings, die durch den Reaktorunfall von Tschernobyl in Gang gekommen sind, werden so schnell nicht zum Stillstand kommen. Und auch wenn wir die damals freigesetzte Strahlung nicht mit bloßem Auge sehen können: Unsere Erinnerung an die Ereignisse des Jahres 1986 sollte nicht Halbwertszeiten unterliegen wie der radioaktive Zerfall. Denn wir und nachfolgende Generationen werden noch sehr lange mit ihren Folgen konfrontiert sein.

Auch andere Regionen müssen sich mit den Folgen des Einsatzes der Atomenergie auseinandersetzen: Die Gegend um Salzgitter beispielsweise steht mit dem geplanten Endlager Konrad und den umstrittenen Lagern Asse und Morsleben bei Wolfenbüttel und Braunschweig vor der Herausforderung, Verantwortung für den radioaktiven Müll zu übernehmen und das Vertrauen der Menschen in und für eine sichere Zukunft zu gewinnen.

Ich wünsche mir, dass die aus dem Zusammenhang gelöste gelbe Kabine sich wie ein Puzzleteil des Kollektiven in das Gedächtnis des Einzelnen einfügt. Sie ist sichtbares Verbindungsstück zum unsichtbaren Riesenrad, dessen strahlenförmige Stahlkonstruktion wir uns hinzudenken können. Das unsichtbare Riesenrad verstehe ich daher auch als Symbol für die uns umgebende Teilchenstrahlung. In einer einzelnen Kabine verdichtet sich so für mich ein größerer Zusammenhang von Mensch, Umwelt und Verantwortung.

Iris Musolf