IRIS       MUS OLF
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"Viel hat sich ereignet, viel gibt es zu erzählen"
Performance, 2009




In der Performance „Viel hat sich ereignet, viel gibt es zu erzählen“ befragt die Künstlerin Iris Musolf den Zusammenhang von individueller und kollektiver Geschichte und untersucht, inwiefern Ereignisse der Vergangenheit unser Leben heute noch prägen.
Musolf setzt sich mit dem Phänomen der Inskription durch Sozialisation und der darin implizierten Psychologie familiärer Strukturen auseinander, wobei der eigene Körper als Projektionsfläche für die verschiedenen, sich gegenseitig überlagernden Sinnstrukturen fungiert.
Im zunächst fast vollständig mit Kopien des Ariernachweises der Großmutter von Iris Musolf verhängten Schaufenster des Ausstellungsraumes "kleinraumdisko" in Braunschweig werden langsam immer größere Gucklöcher auf das Ladeninnere freigegeben, in dem die Künstlerin die vom Fenster abgenommenen Kopien an ihren mit groben Klebestreifen versehenen Körper heftet. Bruchstückhaft rezitiert sie die bürokratisierten Angaben des Ariernachweises. Die permanente Wiederholung dieser Informationen offenbart die Absurdität des Schriftstücks, hinter dem sich willkürliche Entscheidungen über Leben und Tod verbargen. Im Hintergrund öffnet sich ein in diffuses Licht getauchter Raum mit kopierten Ausschnitten von Zeichnungen und Briefen aus Kriegstagen, die vom Urgroßvater der Künstlerin an seine Tochter, also ihre Großmutter, gerichtet waren. Einzelne Sätze des Briefwechsels werden in Form von Kopien an der Wand und in einem im Fenster platzierten Monitor fragmentarisch wiedergegeben. In dieser Aneignung des historischen Materials durch die Auswahl und Übertragung in verschiedene Medien wird die auch heute noch spürbare tiefe Durchdringung des Nationalsozialismus und die darin enthaltene Stigmatisierung von Identitäten, die häufig mit grauenhafter Gewalt bis hin zum Tod einherging, deutlich. Dies geschieht speziell vor dem Hintergrund des Ausstellungsortes: Eine überlieferte Aufnahme des ehemaligen Luftschutzbunkers aus dem Zweiten Weltkrieg, dem der Raum der „kleinraumdisko“ wie eine Fassade vorgelagert ist, wird mit dem Overheadprojektor an die Rückwand des Raumes projiziert, so dass die einstige Funktion des Ortes wieder zum Vorschein kommt. Diese ist insbesondere in dem architektonischen Raumschnitt noch ersichtlich, da sich der Bunkerrundturm mit seiner Wölbung im Innenraum abzeichnet.  
                                         
Iris Musolf beschwert ihren Körper mit kopierten Ariernachweisen ihrer Großmutter und lädt sich somit Dokumente sowohl individueller als auch kollektiver Geschichte auf, wodurch sie sich mit der Verschränkung von historischen Ereignissen und ihrer eigenen Familienbiographie konfrontiert. Die Überlagerung verschiedener Ebenen spiegelt sich außerdem in der Kombination der einzelnen Medien wider: Kopierte Zeichnungen, die via  Overhead, Beamer oder Monitor projiziert werden, stellen die einzelnen Schichten dar, die sich auf dem Körper der Künstlerin selbst einschreiben. Auch die sich im Antlitz der Künstlerin fein abzeichnenden Kratzer der Fensterscheibe der „kleinraumdisko“ können im übertragenen Sinne als Spuren der Gegenwart angesehen werden. Stückweise gelangen die einzelnen Schichten, die die Künstlerin als Facetten ihrer eigenen Identität begreift, an die Oberfläche und konstituieren dort die komplexe Sinnstruktur der künstlerischen Arbeit von Iris Musolf.

(Text: Nina Wichmann / Foto: Katharina Gattermann)
















"Host/es"
Performance, 2009




Für die Vernissage wird mindestens ein Mann (oder mehrere) als Host wie eine Hostess bei einer Messe in klassischem, schwarzem Anzug Sekt für die Gäste servieren. Er trägt schwarze Damenpumps. Die Schuhe mit den Nylonstrümpfen sind die einzigen weiblichen Kleidungsstücke. Er muss in den Schuhen umhergehen und die Gäste fragen: „Darf ich Ihnen vielleicht ein Glas Sekt anbieten? Oder: Möchten Sie etwas trinken.“ Das Lächeln im Gesicht muss sitzen. Auch das Einsammeln der Gläser gehört zu seiner Aufgabe. Der Sekt ist kostenlos und wird von mir als Teil des Kunstwerkes verstanden. Nach dem Empfang wechselt er seinen Anzug in seine Alltagskleidung und als Spur der Performance bleibt während der Ausstellungszeit das Tablett mit dem Anzug, den Strümpfen und den Schuhen zurück.